Auch Bäume brauchen Erziehung

Pressemeldung Darmstädter Echo, 31.01.2019 - Ulrike Bernauer

Foto: Michael Specht zeigt den richtigen Schnitt, Foto: Ulrike BernauerRAIBACH - 15 Hobbygärtner stehen um Michael Specht herum. Specht, Gärtner der Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau, steht auf einer Leiter, bewaffnet mit Säge und Schere. Der Naturschutzbund (Nabu) hat zum Obstbaumschnittkurs geladen. An diesem Wintersamstag geht es um den Schnitt bei Hochstämmen auf Streuobstwiesen. Specht gehört den „Schlaraffenburgern“ an, einer Aschaffenburger Initiative, die sich dem Erhalt der Streuobstwiesen verschrieben hat, unter anderem durch ihre Kurse.

Einem Theorieteil folgt die Praxis direkt am Baum. Specht fordert erstmal ein Umdenken: Die Teilnehmer sollten sich die Bäume nicht unter dem Aspekt betrachten, welche Äste entfernt werden müssen, sondern welche stehen bleiben sollen. Er spricht sich für den sogenannten Oeschberg-Schnitt aus, der bereits in den 1920er-Jahren entwickelt wurde. Diese Schnitttechnik hat das Ziel, eine Obstbaumkrone aufzubauen, die so stabil ist, dass der Baum auch große Mengen an Früchten tragen kann, ohne dass unter der Last des Obsts einzelne Äste abbrechen.

„Der Baum soll, wie Specht an einem etwa acht Jahre alten Apfelbaum demonstriert, der schon länger nicht mehr geschnitten wurde, ein gesundes Traggerüst aus einem Stamm, der bis zu den Leitästen reicht, und einer Mittelstammverlängerung aufweisen. „Die Äste beschneidet man so, dass sie sich im Laufe der Jahre zu kräftigen Leitästen entwickeln“, erklärt er. Drei bis vier dieser Leitäste sollte ein Baum haben, je nachdem wie weit die Äste auseinanderstehen. Sie sollten sich auch in einer gewissen Höhe befinden, sodass Mäharbeiten darunter noch gut ausgeführt werden können, aber auf der anderen Seite die Äpfel gepflückt werden können, ohne dass der Pflücker in schwindelerregende Höhen steigen muss.

Alle anderen Äste, die wiederum an diesen Leitästen wachsen, betrachtet der Gartenbauer als Fruchtäste erster oder zweiter Ordnung. Sie werden in der Regel nicht angeschnitten, es sei denn, sie sind deutlich zu schwach. Nach drei bis fünf Jahren, je nach Sorte und Wachstum des Baums, werden die Fruchtäste dann weggeschnitten, inzwischen sind neue nachgewachsen, die die alten ersetzen. Der Gärtner will damit erreichen, dass sich der Baum stetig verjüngt und auch die Schnittflächen nicht zu groß werden. Denn diese bedeuten Wunden für den Baum, je kleiner sie sind, desto besser können sie verheilen.

Aus diesem Grund wendet Specht bei größeren Schnitten auch eine eher arbeitsintensive Schnitttechnik an. Er sägt den entsprechenden Ast etwa zehn bis 15 Zentimeter vom Stamm entfernt ab. Oft reißt dabei die Rinde aus, weil das Gewicht des Asts für ein unkontrolliertes Abbrechen sorgt. Dann setzt Specht noch einmal dicht am Stamm einen Schnitt, bei dem der Ast nicht mehr abbrechen kann und erreicht so einen sauberen Schnitt, der dann viel besser verheilen kann.

Selbstverständlich ist auch, dass die Schnitte auf keinen Fall horizontal gesetzt werden, erfahren die Schnittkursteilnehmer. Denn sonst setzt sich Wasser auf der Schnittfläche ab und sorgt langfristig für Fäulnis an dieser Stelle.

Die Leitäste sollten sich in der Waage befinden, das heißt, die Spitzen der Äste sollten in etwa gleicher Höhe enden. Der Baum versorgt die obersten Teile immer am besten mit Wasser und Nährstoffen, weiß der Fachmann. Lässt sich dieses Ziel alleine durch einen Rückschnitt nicht erreichen, setzt er auch Kokosseil ein. Damit bindet er beispielsweise einen schwachen Trieb so, dass er steiler und höher steht, also besser mit Nährstoffen versorgt wird. Nach einem Jahr hat die Verholzung eingesetzt und der Ast ist in der Regel in die Richtung gewachsen, die der Gärtner sich wünscht. Wichtig ist dann, das Kokosseil zu entfernen, denn andernfalls wächst es in den Baum ein.